Functional Training – Gabler Training vs. Kieser Training (Teil 2)

Im ersten Teil des Artikels Functional Training – Gabler Training vs. Kieser Training habe ich mich mit einem Artikel von Werner Kieser auf dessen Schweizer Trainingsblog auseinandergesetzt. Herr Kieser hat darauf reagiert und zwar so, wie es der Ausseneindruck seines Werbebildes vermuten lässt – der „gute nette Onkel Kieser“. Sehr sympatisches Bild im Übrigen, gute Ausstrahlung! Er wünscht sich sachlichen Austausch und auch Quellen (siehe hier: Kieser Training Blog). Mal sehen was sich so machen lässt.

Zunächst will ich nochmals festhalten, was im Schlussplädoyer zum Thema „Functional Training“ im Artikel bei Gabler Training steht: „Was, kein “Functional Training”? Auch hier ein klares Jein, Functional Training ist eine überbeanspruchte Worthülse. Hier hat der Werner Recht – eine neue Sau, die durch das Fitnessdorf getrieben wird. Auf diesen Zug kann man aufspringen, muss es aber nicht. Vieles was unter dem Deckmäntelchen “Functional Fitness” angeboten wird ist weder Geld noch Schweiss und Mühen wert. Namen sind Schall und Rauch, was zählt ist das Training und die sinnvolle praxisnahe, zielorientierte Gestaltung, egal wie es dann letztlich genannt wird.“

Ich will es noch mal festhalten: Es gibt kein „Functional Training“. Es gibt unterschiedlichste „Konzepte“ die als Functional Training angeboten (verkauft) werden. Etwas, das es nicht gibt kann weder gut noch schlecht sein. Punkt. Es stehen aber noch ein paar Aussagen zur allgemeinen Trainingslehre im Raum. Da lohnt es sich auch aus meiner Sicht darauf einzugehen:

Ich will zunächst auf den wohl wichtigsten und interessantesten Punkt eingehen. Die Leser können sich dann das Hick-hack was danach kommt auch sparen! Der aus meiner Sicht spannendste Punkt – weil oft gefragt – ist die Kombination von Ausdauertraining und Krafttraining in einer Trainingseinheit. Hier gibt es reichlich Studien zur generellen Effektivität. Google ist dein Freund. Fazit: Die Kombination von Kraft- und Ausdauertraining bringt messbare Leistungssteigerungen. Natürlich muss ich, wie auch in Kommentaren des anderen Artikels erwähnt, immer Testgruppe und Zielstellung betrachten.

Es gibt auch eine sehr aktuelle Studie zur Wirkung in Bezug auf den zeitlichen Ablauf. Das Fazit dieser Studie: Krafttraining VOR Ausdauertraining bringt geringeren (bis keinen) Muskelzuwachs. Ausdauertraining VOR Krafttraining bringt Muskelzuwachs. Wenn also sehnige kleine Muskeln gewünscht sind, beispielsweise bei Kletterern sollte das Krafttraining vor dem Ausdauertraining absolviert werden. Ist Kraft- und auch Muskelmassenzuwachs gewünscht, sollte das Krafttraining nach dem Ausdauertraining absolviert werden.

Dies hängt mit der Ausschüttung von mTOR und AMPk zusammen. mTOR wird als Stimulanz für Muskelwachstum bei entsprechendem Training ausgeschüttet. AMPk fördert die Mitochondrienbildung und hemmt die Wirkung von mTOR. Beim Ausdauersport wird AMPk ausgeschüttet und somit die Wirkung des zuvor beim Krafttraining gebildeten mTOR (Muskelaufbau) verhindert. Mache ich jedoch nach Ausdauertraining und einer kurzen Pause Krafttraining greift die Wirkung von mTOR und das Wachstum der Muskelzellen wird angeregt.

Nachtrag: In der Eile ganz vergessen. Wer vor dem Ausdauertraining Krafttraining macht hat die volle neuronale Anpassung durch den Trainingsreiz. Lediglich das Muskelwachstum findet durch die Hemmung des AMPk nicht statt. Die Muskeln bleiben schlank, das Körpergewicht niedrig und die Kraft wächst durch die neuronale Optimierung trotzdem.

Link zu einer der Studien: Studie zu mTOR und AMPk

Weitere Informationen zum Thema via Google. Die Stichworte stehen oben.

Damit sollte der spannendste Punkt dieser Diskussion für alle Interessierten ausreichend geklärt sein. Recherchieren, Lesen, Denken, Probieren und die passenden Schlüsse ziehen müsst ihr selbst.

Ab hier dann ein wenig Hick-Hack und Diskussion um Begrifflichkeiten. Letztlich unnütz und nutzlos für praktisch orientierte Leser, beschwert euch nicht. Ihr seid gewarnt!

In der Antwort von Werner Kieser heisst es wie folgt: Punkt 1: „Koordination wird aufgabenspezifisch erworben und ist nicht übertragbar auf andere Bewegungsvollzüge.“

Wie bereits gesagt stimmt das und stimmt das nicht. Hatten wir ja bereits und hatte ich so auch grundsätzlich nicht angezweifelt. Ich frage mich nur wieder: Wer hat schon sein ganzes Leben nur mit Kieser-Maschinen zu tun? Bei mir im Haushalt steht keine Kieser Maschine, an meinen Einsatzorten und bei meinen Klienten auch nicht. Die Koordination die ich an einer Maschine erwerbe kann ich, laut obiger Aussage, doch nur an genau der Maschine nutzen an der ich sie erworben habe. Stimmt zum Glück so nicht ganz, wenn auch viele der koordinativen Fähigkeiten an Maschinen eben gerade nicht trainiert werden.

Es ist wohl jedem klar, dass ein guter Fussballer, nicht automatisch ein guter Handballer oder Tennisspieler ist. Aber der gute Fussballer hat koordinative Fähigkeiten erworben, die ihm im Handball oder Tennis helfen. Diese koordinativen Fähigkeiten sind zum Beispiel Rhythmisierungsfähigkeit, Koppelungsfähigkeit, Gleichgewichtsfähigkeit, Reaktionsfähigkeit und noch so einige andere koordinative Fähigkeiten. Diese Fähigkeiten sind großteils unspezifisch. Ich glaube hier brauchen wir keine Quellen, das ist jedem ausgebildetem Sporttrainer – und auch Laien – bewusst.

Weiter im Text: Punkt 2: Übertragbarkeit (Der Naturheilpraktiker argumentiert, dass auch die unterstützende Muskulatur bei komplexen Bewegungsaufgaben trainiert würde.)

Der Naturheilpraktiker ist zum Glück auch geprüfter Sporttrainer deshalb kann er auch dazu etwas sagen: Ein kräftiger m. latisimus genügt nicht für einen Klimmzug, auch ein kräftiger Bizeps allein reicht nicht für einen Klimmzug. Selbst das regelmäßige Ziehen an einer Latzugmaschine bringt nicht zwangsläufig gute Resultate in Klimmzugtests.

Herr Kieser schreibt selbst auch selbst vom „geschickten bewältigen einer Übung“ (und damit reduziertem Trainingseffekt). Damit widerspricht er sich leider wieder selbst, denn später schreibt er, dass „Unterstützungsmuskulatur“ nicht ausreichend angesprochen wird. Was denn nun? Woraus resultiert die Geschicklichkeit? Innermuskuläre Koordination, intramuskuläre Koordination, … ? Was sind Trainingsziele, was ist die Zielgruppe? Freibadposer brauchen kein komplexes Training, das ist richtig. Studios mit minimaler Betreuung sollten tatsächlich keine komplexen Übungen vorgeben. Im Personal Training mit Athleten und Sportlern, die auf spezifische Resultate hin trainieren brauche ich neben einfachen Übungen immer wieder komplexe Übungen.

Aber selbst für „Nicht-Sportler“ frage ich mich, was ist häufiger, was ist erstrebenswerter? Sich selbst an einer Stange, Dachrinne, Kante oder etwas vergleichbarem, nach oben ziehen zu können, oder mit festgeklemmten Beinen eine Stange herunterziehen zu können? Denn letzteres kommt im Alltag nicht vor, ersteres kann durchaus vorkommen.

Zum Thema Substrat lässt sich noch sagen: Auch Knorpel, Bänder und Sehnen sind Substrate, die Nerven des ZNS (wird gern von Herrn Kieser ignoriert, scheint mir) auch. Auch diese Substrate werden durch Training vermehrt, verstärkt, verbessert.

Aus meiner Sicht braucht es keine weitere Diskussion, wie gesagt bin auch ich kein Freund von vielen Dingen die als „Functional“ angeboten werden. Ich hoffe meine Punkte klar gemacht zu haben und wünsche mir zukünftig mehr differenzierte Artikel von Herrn Kieser. Auch ein „lets agree to differ“ ist sicher völlig in Ordnung, da die Zielgruppen und Ausrichtungen wohl sehr unterschiedlich sind.

2017-02-16T09:12:10+00:00 By |0 Kommentare

Hinterlassen Sie einen Kommentar